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Deutscher Filmdirektor spricht darüber, was die Deutschen wirklich über die Russen denken

Фрай
© Форпост Северо-Запад

Die Präsentation des Buches "Russland lieben lernen" von deutschem Regisseur, Gründer und ständigem Leiter des Semperopernballs in Dresden Hans-Joachim Frey fand an der Staatlichen Bergbau-Universität Sankt Petersburg statt. Das Buch ist einzigartig − nicht nur weil es die Meinung eines Ausländers über unser Land und die Menschen, die hier leben, widerspiegelt, sondern auch weil das Vorwort von Wladimir Putin persönlich geschrieben wurde.

Die "Forpost" Zeitung wollte herausfinden, wo der Autor den Präsidenten der Russischen Föderation kennenlernte und was ihn dazu inspirierte, ein solches Werk zu schaffen. Wir stellte ihn auch mehrere philosophische Fragen − zum Beispiel ob sich die Deutschen noch immer an den Ereignissen des Großen Vaterländischen Krieges und der Blockade von Leningrad schuldig fühlen. Und warum Berliner Politiker haben eine andere Meinung über Russland, die sich von der Meinung gewöhnlicher Menschen in Deutschland unterscheidet. Die Letzteren, die meisten von ihnen, unterstützen die Sanktionen nicht und behandeln uns im Allgemeinen positiv.

- Herr Frey, wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?

- Ich hatte nicht vor, nach Russland zu kommen, ich wurde durch eine Reihe von Unfällen hierher gebracht. Aber seit 10 Jahren, die ich hier arbeite, habe ich es gelernt, ihr Land aufrichtig zu lieben und die russische Seele zu schätzen. Einmal wurde mir klar, dass ich mein Wissen über Russland und die damit verbundenen Emotionen einfach an diejenigen weitergeben muss, die nicht verstehen, was Russland wirklich ist und was für wunderschöne Menschen dort leben. Leider haben viele im Ausland eine sehr verzerrte Vorstellung davon, was hier passiert, daher war es mein Ziel, die im Westen vorherrschenden negativen Stereotype über Russland zu zerstören.

Фрай
© Презентация Ханса-Йоахима Фрая

Auf dem Foto: Ehrentanz mit Königin Silvia von Schweden auf dem Opernball. 2014

Ich glaube, dass jeder auf der ganzen Welt lernen sollte, Russland zu lieben. Ich meine die Russen selbst, die Deutschen und die Menschen aus anderen Ländern. Wenn wir direkt über die russisch-deutschen Beziehungen sprechen, dann sollten wir uns meiner Meinung nach nicht widersprechen, sondern ergänzen. Wir sind zwei echte Kräfte in Europa und wir sind einfach verpflichtet, auf der Grundlage

- Sie präsentieren jetzt die russischsprachige Version des Buches, die deutsche Erstausgabe ist schon vor drei Jahren erschienen. Welche Reaktion hat es ausgelöst?

- Das Buch ist eine Erfolgsgeschichte, es steht auf der Bestsellerliste. Diese Liste wurde vom angesehenen Politmagazin "Der Spiegel" erstellt. Das Magazin platzierte das Buch "Russland lieben lernen" auf Rang 31, was für ein solches Format ein sehr gutes Ergebnis war. Ich wurde zu verschiedenen Talkshows eingeladen, ich organisierte Pressekonferenzen, woran sich viele Journalisten teilnahmen. Insgesamt haben in Deutschland etwa 10.000 Menschen mein Buch gelesen, und viele Kritiker mitteilten, dass sie viel über Ihr Land gelernt haben und dass sie Russland nun aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

- Wie haben Sie Wladimir Putin kennengelernt? Und warum hat er sich entschieden, das Vorwort zu Ihrem Buch zu schreiben?

- 2009 kam Wladimir Wladimirowitsch nach Dresden, zum Semperopernball. Ich war und bleibe Leiter des Balls. Dort haben wir uns also kennengelernt. Ich war sehr nervös, als ich hinter der Bühne neben ihm stand, weil ich ihm sagen musste, dass er 20 Minuten vor dem Auftritt warten sollte. Wladimir Putin beruhigte mich, indem er sagte, er wisse über alles Bescheid und sei bereit, in den nächsten zwei Stunden alles zu tun, was ich ihm sagte. Ich antwortete, dass ich meine Freunde anrufen und ihnen sagen möchte, dass der Präsident Russlands sei bereit, zwei Stunden lang alles zu tun, was ich sage.

Путин
© Презентация Ханса-Йоахима Фрая

Auf dem Foto: 2009. Wladimir Putin, Sachsens Ministerpräsident Stanislav Tillich (untere Reihe) und Hans-Joachim Frey (zweiter von rechts in der oberen Reihe)

Offenbar gefiel Wladimir Putin der Ball so gut, dass er mich dann zum Abendessen einlud. Es war schon spät in der Nacht. Wladimir Wladimirowitsch fragte, ob ich nach Russland kommen und dort arbeiten möchte. Ich antwortete, dass ich noch nie darüber nachgedacht hatte, aber hatte nichts dagegen. Danach bin ich wirklich nach Russland gekommen, habe viel in Ihrem Land gearbeitet und 2018, als mein Buch auf Deutsch erschien, schenkte ich das erste Exemplar Wladimir Putin. Es war im Bolschoi-Theater, bei einem Galakonzert anlässlich des Abschlusses der Fußballweltmeisterschaft. Es war mir eine Ehre, diese Aufführung zu organisieren.

Als ich auf die Idee kam, das Buch auf Russisch zu veröffentlichen, wandte ich mich an Wladimir Putin mit der Bitte, ein Vorwort dafür zu schreiben, und er hat freundlicherweise zugestimmt.

- Auf welche Sprache unterhalten Sie sich mit Wladimir Wladimirowitsch

- Nur auf Deutsch. Er spricht perfekt Deutsch ohne Akzent.

- Wechseln wir aber das Thema... In Gesprächen mit den Deutschen, anders als zum Beispiel mit den Tschechen, empfindet man nie eine Antipathie gegen sich selbst, gegen die Russen und gegen Russland im Allgemeinen. Aber die Meinung einiger deutscher Politiker, auch hochrangiger, unterscheidet sich dramatisch von der Meinung gewöhnlicher Menschen in Deutschland. Warum? Und wäre es möglich, auf zwischenstaatlicher Ebene einen konstruktiven Dialog zwischen unseren Ländern fortzusetzen?

- Ja, Sie haben es richtig bemerkt, dass viele Deutsche Russen respektieren und Russen mit Sympathie behandeln. Aber einige Politiker mischen sich ständig ein. Zum Beispiel bei Debatten vor den Wahlen übertreiben sie das russische Thema und versuchen, die Meinung von gewöhnlichen Deutschen über Russland zu verändern und deren Vorstellung von Ihrem Land zu verzerren.

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© Форпост Северо-Запад

Deshalb müssen wir alles tun, um kulturelle, sportliche und wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern zu entwickeln. Ich weiß, dass Rektor der Staatlichen Bergbau-Universität Sankt Petersburg Wladimir Litwinenko eine enge Partnerschaft mit der Technischen Universität Bergakademie Freiberg pflegt, und dass diese Hochschulen das Deutsch-Russische Rohstoff-Forum organisieren. Je mehr solcher Initiativen es gibt, desto schneller wendet sich das Blatt.

- Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach solche Diskussionsplattformen wie die Deutsch-Russische Rohstoffkonferenz? Steigt ihre Bedeutung dadurch, dass der Dialog zwischen unseren Ländern auf zwischenstaatlicher Ebene beinahe zum Stillstand gekommen ist und erst jetzt allmählich wieder fortgesetzt wird?

- Rohstoffe und Energie sind die Grundlage, worauf unsere gesamte Zivilisation beruht. Ja, natürlich waren die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland in den 50 Jahren unserer Zusammenarbeit im Energiesektor verschieden. Es gab einen Kalten Krieg, es gab ein Missverständnis, aber wir hatten keine Probleme im Energiesektor. Was auch immer die Spannungen zwischen unseren Ländern sein mögen, Russland hat nie versucht, das Gas abzuschneiden und seine Lieferungen an Deutschland zu unterbrechen. Aber wir alle wissen genau, wie wichtig der Import aus Ihrem Land für uns ist.

Dies ist vor allem auf die Plattformen, wie das Deutsch-Russische Rohstoff-Forum, zurückzuführen. Hier können Vertreter beider Länder offen kommunizieren, eine Rede halten, freundschaftliche Beziehungen pflegen. Das heißt, hier wird der Grundstein für unsere Partnerschaft im Energiesektor gelegt.

Российско-Германский форум
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Auf dem Foto: 2021 fand das Deutsch-Russische Rohstoff-Forum aufgrund der Coronavirus-Pandemie erstmals online statt

- In diesem Zusammenhang soll ich nach Nord Stream 2 fragen. Es ist klar, dass dies ein für beide Seiten vorteilhaftes Projekt ist, und wir alle hoffen, dass es realisiert wird. Aber mich interessiert noch etwas anderes: Was ist aber für die Deutschen wichtiger, da sie vor der Wahl stehen: die Beziehungen zu ihrem strategischen Verbündeten, den Vereinigten Staaten, weiter zu pflegen, die in diesem speziellen Fall ihre persönlichen Interessen verteidigen und dabei die Interessen von Deutschland beeinträchtigen, oder zweckmäßig vorzugehen, d. h. Energiemangeln zu vermeiden und nicht zu überbezahlen?

- In Deutschland werden jetzt alle Kernkraftwerke geschlossen, wir stellen auf alternative Energien bzw. Sonne und Wind um. Aber seien wir ehrlich – das reicht nicht. Deutschland braucht Nord Stream 2. Das versteht ganz gut auch Angela Merkel. Egal was Amerika sagt, egal wie kritisch dieses Projekt ist, es ist für uns lebenswichtig.

Wir verstehen ganz gut, dass diese Pipeline umstritten bleiben wird, bevor sie in Betrieb genommen wird. Aber danach werden die Spannungen nachlassen, und Deutschland wird ein zusätzliches Instrument erhalten, das unsere Energiesicherheit garantieren wird.

- Die Beziehungen Deutschlands zu vielen Ländern, darunter auch zu Russland, wurden lange Zeit weitgehend vom Schuldgefühl der Deutschen im Zusammenhang mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs geprägt. Aber in den letzten Jahren, wie viele Experten bemerken, ist dieses Gefühl, wenn es nicht vollständig verschwunden ist, viel weniger offensichtlich geworden. Ist es wirklich so? Und wie positiv oder negativ ist das Ihrer Meinung nach?

- Sie haben Recht, das Schuldgefühl schwindet allmählich. Ich kann nicht sagen, dass es schlecht ist, denn die Hauptsache ist, die Geschichte nicht zu vergessen, d. h. immer daran zu erinnern, dass wir für den Fehler unserer Vorfahren verantwortlich sind, die den Weltkrieg entfesselten. Wir müssen uns an dieses Verbrechen gegen die ganze Menschheit erinnern, an die Leningrader Blockade. Wir sollen unseren Kindern erklären, dass eine solche Philosophie unakzeptabel ist. Wenn das Schuldgefühl das Gefühl des Respekts vor Russland ersetzt, können wir sicherlich einen konstruktiven, für beide Seiten vorteilhaften Dialog fortsetzen, für den sich die Mehrheit der Bürger sowohl in Deutschland als auch in Russland ausspricht.

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Aber dafür muss man natürlich mit seinen Worten vorsichtig sein, um die Sache nicht zu übertreiben, wie es jetzt bei manchen Debatten oder Reden immer mal wieder passiert.

Die "Forpost" Zeitung fragte Rektor der Staatlichen Bergbau-Universität Sankt Petersburg Wladimir Litwinenko, warum die Präsentation des Buches von Hans-Joachim Frey "Russland lieben lernen" an einer technischen Hochschule stattfand. Schließlich wäre es logischer, eine solche Veranstaltung an einer geisteswissenschaftlichen Universität durchzuführen.

Wladimir Litwinenko: Wir sehen es als unsere Aufgabe an, nicht nur qualifiziertes Personal für die heimische Wirtschaft und den Rohstoffsektor auszubilden, sondern auch eine neue Generation technischer Intelligenz zu schaffen, die Gesellschaft zu humanisieren. Egal wie technologisch fortschrittlich ein Land ist, sein Wohlstand basiert auf Humankapital und historischem Gedächtnis. Genau diese Faktoren zusammen mit dem reichen Rohstoffangebot ermöglichen es Russland, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken, anstatt widrige Umstände wie die Coronavirus-Pandemie oder die westlichen Sanktionen uns enttäuschen zu lassen.

Литвиненко
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Wir versuchen unser Bestes zu tun, um auch in der aktuell schwierigen Situation ein Mitglied der internationalen Wissenschafts- und Bildungsgemeinschaft zu bleiben, und den Dialog mit unseren Partnern, auch in Deutschland, fortzusetzen. Wir veranstalten Konferenzen, wir sind an einem akademischen Austausch aktiv beteiligt, wir schaffen gemeinsame Labore mit unseren Kollegen - sowohl aus Deutschland als auch aus Österreich. Und am wichtigsten ist, dass unsere Parther ein aufrichtiges Interesse daran haben, solche Kooperationen zu schaffen. Dies lässt uns vermuten, dass das Potenzial unserer Zusammenarbeit nach wie vor sehr groß ist und sich in Zukunft noch vergrößern kann.

Das letzte Deutsch-Russische Rohstoff-Forum fand aufgrund hygienischer und epidemiologischer Beschränkungen online statt. Dies ist natürlich ein weniger effektives Format, da uns meiner Meinung nach nur die persönliche Kommunikation echte Synergie generiert. Aber wir hoffen, dass sich in diesem Herbst alles ändert. Wir haben es vor, uns an der feierlichen Einweihung eines Denkmals von Michail Lomonossow in Freiberg teilzunehmen. Ich bin sicher, dass diese Veranstaltung den Beginn einer neuen Etappe in den russisch-deutschen Beziehungen symbolisieren wird, die auf einem gegenseitigen Verständnis der Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit, der Schaffung von Bedingungen für eine gegenseitig vorteilhafte und gleichberechtigte Partnerschaft basiert.